Übersichten | Review Articles
Intensivmedizin | Intensive Care Medicine
M. Hiller · K. Spohn · J. K. Schütte · H. Bracht · R. Hering · J. Bakker · S. Schröder

Objektive Verlegungskriterien und proaktives Verlegungs­management zur Steuerung von intensivmedizinischen Kapazitäten

Schlüsselwörter Intensivmedizin – Verlegungskriterien – Verlegungs­pro­zesse – Klinische Entschei­dungs­unterstützung – Patientenflusssteuerung
Keywords Intensive Care – Discharge Criteria – Care Transition – Clinical Decision Support – Patient-flow Management
Zusammenfassung

Trotz hoher Intensivbettenanzahlen im europäischen Vergleich sind intensivmedizinische Versorgungsengpässe in Deutschland dennoch häufig. Dies liegt an einem kaum etablierten bereichsübergreifenden Verlegungsmanagement mit fehlenden objektiven Verlegungskriterien, Personalmangel und Bettensperrungen. Lange Verweildauern und erhöhte Rückverlegungsraten auf die Intensivstation weisen zudem auf eine ineffiziente Ressourcennutzung in deutschen Krankenhäusern hin.


Vor diesem Hintergrund wurde eine systematische Literaturrecherche zum Stand der Forschung zu Verlegungskriterien von der Intensivstation und Verlegungsprozessen auf nachsorgende Stationen durchgeführt. Für die Recherche wurden Publikationen der Jahre 1983 bis 2020 durchsucht und 1.917 Quellen gefunden, 286 als Volltext ausgewählt, davon 104 als relevant betrachtet und als Basis für diese Arbeit herangezogen.
Lösungsansätze wie eine Ursachenanalyse der Engpasssituation unter Ein­beziehung des gesamten Systems Krankenhaus mit den sich beeinflussenden Aufnahme-, Verlegungs- und Entlassungs­prozessen sowie die Verwendung elek­tronischer Entscheidungsunterstützung in Verbindung mit standardisierten Ver­legungskriterien können die Nutzung vorhandener Intensivkapazitäten verbes­sern und zu einem sicheren und bes­seren Patientenfluss führen.
Für eine bessere Ressourcennutzung muss das Behandlungsergebnis entlang des gesamten Behandlungspfades be­trachtet werden, um den richtigen Patienten zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu versorgen. Ein standardisiertes Verlegungsmanagement mit­tels objektiver Verlegungskriterien kann helfen, die verschiedenen Stakeholder in die Verlegungsentscheidung und den Verlegungsprozess einzubinden, dabei Patienten-, Behandler-, prozess- und organisationsspezifische Faktoren zu berücksichtigen, und schlussendlich, die vorhandenen intensivmedizinischen Ressourcen proaktiv und effizient zu steuern. Die Nutzung einer Entscheidungsunterstützung im Verlegungsprozess mittels selbstlernender Systeme auf der Datenbasis von Patientendaten-Managementsystemen ist zukunftswei­send, muss aber noch in breiterer An­wen­dung in der klinischen Praxis validiert werden.

Summary

Despite the high number of intensive care beds in German hospitals compared to other European countries, intensive care medical shortages are common in daily clinical practice. This is due to a hardly established cross-departmental discharge and transfer management with missing objective discharge criteria, lack of personnel and bed closures. Above-average lengths of stays and increased readmission rates to the intensive care unit also indicate an inefficient use of resources in German hospitals.


Against this background, a systematic literature search was carried out on the current state of research on discharge criteria from the intensive care unit and transfer processes to follow-up wards. Between 1983 and 2020, 1,917 sources were found, 286 were selected as full text, 104 of which were considered relevant and used as the basis for this work.
Approaches, such as a root cause analy­sis of bottleneck situations including the entire hospital system with its interdependent admission, transfer and discharge processes, and the use of electronic decision support in conjunction with standardised discharge criteria can improve the use of existing intensive care capacities and lead to safer and better patient flow.
For better use of resources, the therapeutic outcome must be viewed along the entire clinical pathway in order to care for the right patient at the right place and at the right time. A standardised care transition management using objective discharge criteria could help to include the various stakeholders in the discharge decision and patient-transfer process to reflect patient-, caregiver-, process, and institution-specific factors, and ultimately to manage, proactively and efficiently, the available intensive care resources. Decision support in the discharge process using self-learning systems based on available data from patient data management systems is forward-looking, but must be validated more widely in clinical practice.

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01/2021