Anästh Intensivmed 2018;59:562-573 Deutsch English
Originalia - Notfallmedizin
REBOA als additives Konzept zur Notfallthorakotomie beim Schwerstverletzten – notwendig oder entbehrlich? Eine Sekundärdatenanalyse aus dem TraumaRegister DGU®

Autoren

Martin Kulla, Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie Bundeswehrkrankenhaus Ulm Oberer Eselsberg 40, 89081 Ulm, Deutschland, Orcid-ID: 0000-0001-7454-0876
M. Engelhardt, Klinik für Gefäßchirurgie und Endovasku­läre Chirurgie, Bundeswehrkrankenhaus Ulm (Direktor: Dr. Michael Engelhardt)
T. Holsträter, Klinik für Anästhesiologie, Intensiv­medizin, Notfallmedizin und Schmerz­therapie, Zentrum für Notfallmedizin, Bundeswehrkrankenhaus Ulm; RTH-Station „Christoph 22“, Ulm (Direktor: Prof. Dr. Matthias Helm)
D. Bieler, Klinik für Unfallchirurgie, Bundeswehr­zentralkrankenhaus Koblenz (Direktor: Priv.-Doz. Dr. Erwin Kollig)
R. Lefering, Institut für Forschung in der Operativen Medizin (IFOM), Fakultät für Gesundheit der Universität Witten/Herdecke (Kommissarischer Institutsleiter: Prof. Dr. Rolf Lefering)
K. Elias, Abteilung für Gefäßchirurgie, Bundeswehrkrankenhaus Westerstede/Ammerlandklinik (Direktor: Dr. Peter Ritter)

Schlüsselwörter

Ballonokklusion, Endovasku­läre Therapie, Schwerstverletztenversorgung, Schock, Behandlungsmethoden, Sekundärdatenanalyse

Zusammenfassung

Hintergrund: Nichtkomprimierbare Körperstammblutungen sind weiterhin Ursache der hohen traumaassoziierten Letalität, da diese Patienten meist verbluten bevor sie einer definitiven Therapie zugeführt werden können. Resuscitative Endovascular Balloon Occlusion of the Aorta (REBOA) erscheint als ein mögliches Verfahren, den Zeitraum bis zur definitiven operativen Blutstillung zu verlängern. Bisher existiert für den deutschsprachigen Raum keine Fallzahlabschätzung potentieller Patienten für dieses Verfahren. Material und Methodik: Es erfolgte die retrospektive Identifikation aller Patienten des TraumaRegister DGU® (TR-DGU) der Jahre 2009–2014, welche potentiell von einer REBOA profitieren könnten. Hier-zu zählen im Schockraum versorgte Patienten im traumatisch hämorrhagischen Schock (RRsys ≤90 mmHg, Puls ≥120/min, Katecholamintherapie, Basendefizit ≤-9 mmol/l) mit lebensbedrohlichen Verletzungen des Abdomens, Beckens oder der unteren Extremitäten. Ausgeschlossen wurden Patienten unter kardiopulmonaler Reanimation, relevante Traumata im Mediastinum, der thorakalen Gefäße, sowie alle supraklavikulären Blutungen inklusive höhergradiger SHT. Es erfolgt eine deskriptive Auswertung der potentiellen REBOA-Kandidaten (pot-REBOA) gegenüber dem Vergleichskollektiv des TR-DGU. Ergebnisse: Im Auswertungszeitraum wurden 51.414 erwachsene Patienten primär in ein Traumazentrum des TR-DGU aufgenommen. 548 Patienten erfüllten sämt-liche Ein- und Ausschlusskriterien. Pot-REBOA-Patienten sind jünger (49±20, vs. 52±21), schwerer verletzt (ISS 43±13 vs. 27±11) und erleiden etwas seltener ein stumpfes Trauma (93% vs. 96%) als das Gesamtkollektiv. Sowohl die prähospitale Versorgung als auch die frühe inner-klinische Behandlung unterscheiden sich signifikant hinsichtlich invasiver Maß- nahmen, Katecholamintherapie sowie Flüssigkeits-/Volumen- und Therapie mit Blut- und Blutprodukten. 52% der pot- REBOA-Patienten versterben. Dabei fällt auf, dass Patienten der pot-REBOA-Grup-pe in 63% d. F. innerhalb der ersten 6 Stunden nach Klinikaufnahme versterben (Vergleichskollektiv 27%). Überregionale Traumazentren (ÜTZ) behandeln überproportional 80% der pot-REBOA-Patienten, obwohl sie ansonsten nur 62% aller TR-DGU-Patienten versorgen. ÜTZ können mit mindestens einem Patienten pro Jahr rechnen. Schlussfolgerung: Die vorliegende Aus- wertung aus dem TR-DGU hat eine kleine Gruppe schwerstverletzter, ressour-cenintensiver Patienten ausgewertet. Sie stellen potentielle REBOA-Kandidaten dar. Ihre aktuelle Klinikletalität ist mit über 52% sehr hoch. Die Majorität dieser Patienten verstirbt aktuell in der Früh­‑ phase (30 Minuten bis 6 h) nach Kli­nik­‑ aufnahme, so dass sich die Frage stellt, ob zusätzliche Optionen zur Blutungskon­trolle hier lebensrettend sein könnten. Daher erscheint ein interprofessionelles Training des Personals in überregionalen Traumazentren gerechtfertigt.
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