Anästh Intensivmed 2019;60:45-55 Deutsch English
Originalia - Klinische Anästhesie
Gibt es eine Rationale für die kombinierte Anwendung von volatilen Anästhetika und Propofol zur Aufrechterhaltung der Narkose?

Autoren

Mario Hensel, Chefarzt der Abteilung für Anästhe­siologie und Intensivmedizin Park-Klinik Weißensee Schönstraße 80, 13086 Berlin, Deutschland
S. Fisch, Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie, Vivantes Klinikum im Friedrichshain, Berlin
T. Kerner, Abteilung für Anästhesiologie, Intensiv­medizin, Notfallmedizin, Schmerz­therapie, Asklepios Klinikum Harburg, Hamburg
A. Wismayer, Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin, Charité Campus Mitte, Charité – Universitätsmedizin Berlin
J. Birnbaum, Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin, Charité Campus Mitte, Charité – Universitätsmedizin Berlin

Schlüsselwörter

Allgemeinanästhesie, Aufrechterhaltung, Propofol, Sevofluran, Nebenwirkungen

Zusammenfassung

Hintergrund und Fragestellung: In dieser Beobachtungsstudie wurde ein alternatives Verfahren zur Aufrechterhaltung der Allgemeinanästhesie bezüglich Sicherheit und Praktikabilität getestet. Die Hypothese lautete, dass eine Kombina­tionsnarkose – bestehend aus Sevofluraninhalation, low-dose-Propofolinfusion (definierte Zielkonzentration: 1 µg · ml-1 im Target-Controlled-Infusion-Modus) und Remifentanilgabe – im Vergleich zur totalen intravenösen Anästhesie (TIVA) mit Propofol und Remifentanil weniger unerwünschte Begleiteffekte zeigt. Methodik: Die Kombinationsnarkose wurde bei 270 konsekutiven Patienten, die sich einer elektiven Operation un­terzogen haben, durchgeführt. Um eine möglichst strukturgleiche Kontrollgruppe zu kreieren, wurden nach dem statistischen Verfahren der Matched-Pair-Analyse 270 prospektiv untersuchte Patienten ausgewählt, bei denen die Aufrechterhaltung der Narkose mit einer TIVA erfolgte. Matching-Kriterien waren ASA-Klassifikation, Geschlecht, Body-Mass-Index, Alter, Operation und PONV (postoperatives Übelkeit und Erbrechen)-Risiko. Die Hypnotikasubstitution wurde in beiden Studiengruppen mittels EEG-Signal gesteuert. Ergebnisse: Alle Kombinationsnarkosen konnten problemlos (praktikabel) und ohne anästhesiebedingte Zwischenfälle (sicher) durchgeführt werden. Die minimale alveoläre Konzentration von Sevofluran (Luft-Sauerstoff-Gemisch) in der Kombinationsnarkose-Gruppe betrug 0,4(0,3–0,6[0,2–1,0]) Vol%. Die Propofol-Dosierung in der TIVA-Gruppe war im Median 8(7–9[5–14]) mg · kg -1 · h -1. In der Kombinationsnarkose-Gruppe wurden 0,22(0,16–0,28[0,05–0,48]) µg · kg -1 · min -1 Remifentanil und in der TIVA-Gruppe 0,25(0,19–0,32[0,05–0,62]) µg · kg -1 · min -1 Remifentanil verabreicht (n.s.). Signifikante Gruppenunterschiede zeigten sich hinsichtlich der PONV-Rate (Kombinationsnarkose: 59/270, TIVA: 84/270, p=0,015), bezüglich des Auftretens unerwünschter Spontanbewegungen der Patienten während der Operation (Kombinationsnarkose: 8/270, TIVA: 38/270, p<0,001), beim Vasopressorenbedarf (Kombinationsnarkose: 121/270, TIVA: 184/270, p<0,001) und bei der Extubationszeit (Kombinations­narkose: 8(6–11[2–15]) min, TIVA: 10(8–12[2–22]) min, p=0,012). Schlussfolgerungen: Die Verminderung von PONV-Rate und Spontanbewegungen sowie die größere hämodynamische Stabilität zeigen, dass es eine Rationale für die kombinierte Anwendung von volatilen Anästhetika und Propofol zur Aufrechterhaltung der Narkose gibt.
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