Anästh Intensivmed 2019;60:57-64 Deutsch English
Übersichten - Klinische Anästhesie
Haben Patienten mit roten Haaren ein höheres Risiko für Komplikationen in Anästhesie und Schmerztherapie? Eine kritische Auswertung der Literatur

Autoren

Thomas Meuser, Klinik für Anästhesiologie und Intensiv­medizin GFO Kliniken Rhein-Berg Betriebsstätte Marien-Krankenhaus, Dr.-Robert-Koch-Straße 18, 51465 Bergisch Gladbach, Deutschland
A. Ameis, Anästhesie, Kunibertsklinik, Köln
K. A. Lehmann, Emeritus, Universität zu Köln

Schlüsselwörter

Rothaarige, Melanocortin, MC1R, Defektmutation

Zusammenfassung

Unter Ärzten auf der ganzen Welt herrscht vielfach die Überzeugung, man müsse bei rothaarigen Menschen mit besonderen Komplikationen im Krankheits­verlauf rechnen. Kritische Stimmen ächten derartige Annahmen als Aberglauben, während andere fest auf persönliche Erfahrungen pochen. Seriöse wissenschaftliche Untersuchun­gen sind bisher selten. Es wird ein Zusammenhang beschrieben zwischen Rothaarigkeit und einer gesteigerten Ängstlichkeit vor Zahnschmerzen und Zahnbehandlungen, ähnliche Berichte wurden auch zur reduzierten Effektivität von Midazolam mitgeteilt. Es gibt ferner einzelne Befunde zur Wirkungsbeeinträchtigung von Inhalationsanästhetika, während für Opioide stärkere Effekte diskutiert wurden. In der vorliegenden Arbeit wird eine relevante Auswahl der derzeit verfügbaren Untersuchungsergebnisse aus der Literatur vorgestellt und hinsichtlich ihrer klinischen Aus­sagekraft kritisch analysiert. Psychologische Untersuchungen legen nahe, dass rothaarige Personen mit Melanocortinrezeptor-Defektmutationen ängstlicher sind als solche mit dunklem Haar. Midazolam scheint bei phänotypisch Rothaarigen im Rahmen einer experimentellen Sedierung etwas schlechter zu wirken als bei Menschen mit blonden oder braunen Haaren. Für Desfluran liegt der mittels elektrischer Hautreizung in experimentellen Narkosen bestimmte MAC-Wert bei rothaarigen Frauen mit Melanocortinrezeptor-Defekt­mutationen um 19% signifikant höher als in der braunhaarigen Kontrollgruppe. Das κ-Opioid Pentazocin wirkt bei experimentellen Hitze- und Ischämie­schmerzen bei rothaarigen Frauen mit Melanocortinrezeptor-Defektmutationen stärker. Auf der Basis einer dürftigen Datenlage sind verallgemeinernde Warnungen vor besonderen Risiken bei rothaarigen Patientinnen nicht haltbar. Dass rot­haarige Patienten, insbesondere rot­haarige Frauen, ein höheres Risiko für Komplikationen in der Anästhesie oder Schmerztherapie aufweisen, kann durch die vorhandene Literatur nicht bestätigt werden. Die aktuelle Datenlage spricht eher dafür, einen Zusammenhang zwi­schen Rothaarigkeit und klinischem Risiko abzulehnen.
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