Anästh Intensivmed 2019;60:233-242 Deutsch English
Originalia - Intensivmedizin
AChE- und BChE-Aktivität als Entscheidungshilfe für die medikamentöse Therapie von Delir und kognitiver Dysfunktion bei Intensivpatienten

Autoren

Eberhard Barth, Klinik für Anästhesiologie, Sektion Operative Intensivmedizin Universitätsklinikum Ulm Albert-Einstein-Allee 23 89081 Ulm, Deutschland
H. Bracht,
M. Georgieff,
B. Zujalovic,

Schlüsselwörter

Delir und kognitive Dysfunk­tion, Intensivstation, Acetyl-, Butyrylcholinesteraseaktivität, Physostigmin

Zusammenfassung

Hintergrund: Das Delir ist klinischer Ausdruck eines Organversagens des zen­tralen Nervensystems. Pathophysiologisch bedeutend sind Störungen des zentralen cholinergen Neurotransmittersystems, welche potentiell therapeutisch beeinflusst werden können. Das in praxi geübte medikamentöse Be- handlungskonzept ist meist polypharmazeutisch-empirisch und kann durch Applikation anticholinerg wirksamer Arzneimittel das Delir noch aggravieren. Ziel der vorliegenden Studie war es, Intensivpatienten mit Delir bzw. kognitiver Dysfunktion und deren Acetyl- und Butyrylcholinesteraseaktivitäten (AChE-/BChE-Aktivitäten) im Vollblut zu untersuchen und das Ansprechen auf eine Behandlung mittels des ZNS-gängigen, indirekten Parasympathomimetikums Physostigmin zu verfolgen. Methodik: Es handelte sich um eine prospektive Longitudinalstudie bei 70 Intensivpatienten. 20 Patienten erfüllten die Aufnahmekriterien (Delir bzw. kog­nitive Dysfunktion und gemessene AChE-/BChE-Aktivität). Die Messung der AChE-/BChE-Aktivitäten erfolgte vor, 1,5 und 24 Stunden nach Behandlung mit Physostigmin. Zu den Messzeitpunkten wurde der CAM-ICU erhoben. Bei Pa­tienten mit kognitiver Dysfunktion wurden einfache Exekutivfunktionen überprüft. Die Testung verbundener Stichproben erfolgte mittels Wilcoxon-Matched-Pairs-Tests, die unverbundener Stichproben mittels Mann-Whitney-Test. Ergebnisse: Bei den deliranten Patienten konnte durch Physostigminapplikation ein signifikanter Anstieg (p=0,0391) der Acetylcholinesteraseaktivität erzielt werden, einhergehend mit einer dauerhaften klinischen Besserung (CAM-ICU negativ). Die klinische Besserung im Sinne der Möglichkeit, einfache Exekutivfunktionen auszuführen, war im Zeitraum um 1,5 Stunden nach Behandlung bei den Patienten mit kognitiver Dysfunktion klinisch sicher reproduzierbar, mit anschließender Verschlechterung auf das Ausgangsniveau. Für die BChE-Aktivitäten wurde keine statistisch signifikante Veränderung zwischen den Ausgangsaktivitäten und den Aktivitäten 24 Stunden nach Therapie nachgewiesen (p=0,1213). Zusammenfassung: Die quantitative Erfassung alterierter Esteraseaktivitäten kann beim deliranten Patienten eine Hilfestellung in der Indikationsstellung zur Applikation von Physostigmin in der Delirtherapie sein.
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