Hintergrund
Die Anästhesiologie und Intensivmedizin gehört zu den ressourcenintensiven klinischen Disziplinen und trägt wesentlich zum ökologischen Fußabdruck des Gesundheitswesens bei. Trotz zunehmender wissenschaftlicher und berufspolitischer Aufmerksamkeit existieren bislang nur wenige Datenerhebungen zur Umsetzung nachhaltiger Maßnahmen in der deutschen Anästhesiologie. Das Ziel dieser Arbeit war es zu untersuchen, inwieweit nachhaltiges Handeln in der klinischen Praxis der Anästhesiologie bereits Anwendung findet.
Methoden
Im Zeitraum März bis April 2025 wurde eine anonyme Online-Umfrage unter Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e. V. (DGAI) und dem Berufsverband Deutscher Anästhesistinnen und Anästhesisten e. V. (BDA) durchgeführt. Alle systemseitig erfassten Fragebögen wurden unabhängig vom Vollständigkeitsgrad in die Auswertung eingeschlossen. Dabei konnten einzelne Fragen übersprungen werden. Von den ursprünglich 60 Frage-Items der Umfrage wurden 23 ausgewählt, um die Hypothese zu prüfen, dass nachhaltiges Handeln in der Anästhesiologie zunehmend Anwendung findet, jedoch noch nicht flächendeckend implementiert ist. Auch wurden strukturelle Barrieren sowie unterstützende Ressourcen bei der Implementierung von Nachhaltigkeitsmaßnahmen analysiert. Zusätzlich wurde die Umsetzung von Nachhaltigkeitsmaßnahmen in zwei explorativen Stratifizierungsansätzen differenziert analysiert. Die Stratifizierung erfolgte dabei zum einen nach der Versorgungsstufe und zum anderen nach der ärztlichen Hierarchieebene.
Ergebnisse
Insgesamt wurden 1239 Umfragebögen erfasst. Die Teilnehmenden zeigten ein hohes Umweltbewusstsein (79,8 % Zustimmung) und Verantwortungsgefühl (78,3 % Zustimmung), gaben jedoch einen unzureichenden Wissensstand an (39,7 % Zustimmung). Volatile Anästhetika werden mit einem Anteil von 87 % der Befragten weiterhin flächendeckend verwendet, wobei 78 % angaben, kein
Desfluran einzusetzen. Von den Teilnehmenden berichteten 68,3 % das Fehlen eines „Green Teams“. Als Barrieren bei der Implementierung von Nachhaltigkeitsmaßnahmen wurden fehlende finanzielle Mittel, Richtlinien durch den Einkauf und Hygieneauflagen identifiziert. Als unterstützende Faktoren benannten die Teilnehmenden institutionelle Unterstützung, Wissensvermittlung, interdisziplinäre Vernetzung sowie Investitionen in nachhaltige Technologien. Die Stratifizierung nach der Versorgungsstufe der Gesundheitseinrichtung zeigte, dass Energiesparmaßnahmen im ambulanten Bereich konsequenter umgesetzt werden als im stationären. Auch innerhalb der Hierarchieebene zeigten sich Unterschiede, wobei Weiterbildungsassistent:innen häufiger Maßnahmen zur Reduzierung des ökologischen Fußabdrucks durchführten.
Schlussfolgerung
Unter den Umfrageteilnehmenden im Bereich der Anästhesiologie und Intensivmedizin besteht eine intrinsische Motivation im Hinblick auf Nachhaltigkeit. Volatile Anästhetika werden weiterhin regelhaft zur Aufrechterhaltung einer Allgemeinanästhesie eingesetzt. Der Gebrauch von Desfluran ist zwar gering, bleibt jedoch aus ökologischer Sicht relevant. Bei der Implementierung von Maßnahmen zeigen sich Unterschiede zwischen dem ambulanten und stationären Bereich. Dabei werden insbesondere strukturelle und organisatorische Barrieren als wesentliches Hindernis einer flächendeckenden Implementierung benannt.
Background
Anaesthesiology and intensive care medicine are among the most resource-intensive clinical disciplines and contribute significantly to the healthcare sector’s ecological footprint. Despite growing scientific and professional interest, to date, there have been only a few data surveys on the implementation of sustainable measures in German anaesthesiology. The aim of this study was to investigate the extent to which sustainable procedures are already being applied in clinical anaesthesiological practice.
Methods
An anonymous online survey was conducted between March and April 2025 among members of the German Society for Anaesthesiology and Intensive Care Medicine (DGAI) and the Professional Association of German Anaesthetists (BDA). All questionnaires recorded by
the system were included in the analysis, regardless of their degree of completeness. Respondents were allowed to skip individual questions. Of the survey’s original 60 questions, 23 were selected to test the hypothesis that sustainable practices are increasingly being adopted in anaesthesiology but have not yet been implemented across the board. Structural barriers and supportive re-
sources for the implementation of sustainability measures were also analysed. In addition, the implementation of sustainability measures was analysed in detail using two exploratory stratification approaches. Stratification proceeded, on the one hand, according to the level of care and, on the other hand, according to the physician´s hierarchical status.
Results
A total of 1,239 questionnaires were analysed. Participants demonstrated a high level of environmental awareness (79.8 % agreement) and a sense of responsibility (78.3 % agreement) but reported that they had an insufficient level of knowledge (39.7 % agreement). Volatile anaesthetics continue to be used across the board by 87 % of respondents, with 78 % stating that they do not use desflurane. Of the participants, 68.3 % reported the absence of a ‘green team’. A lack of financial resources, procurement guidelines and hygiene regulations were identified as barriers to the implementation of sustainability measures. The participants expressed a desire for institutional support, knowledge transfer, interdisciplinary networking and investment in sustainable technologies. Stratification according to the level of care provided by the healthcare facility showed that energy-saving measures are implemented more consistently in the outpatient sector than in the inpatient sector. Differences were also evident on hierarchical levels, with junior doctors more frequently implementing measures to reduce the ecological footprint.
Conclusion
There is an intrinsic motivation regarding sustainability among survey participants in the field of anaesthesiology and intensive care medicine. Volatile anaesthetics continue to be used routinely to maintain general anaesthesia. Although the use of desflurane is low, this proportion remains relevant from an environmental perspective. Structural and organisational barriers are identified as significant obstacles to widespread implementation. In this regard, there are some differences discernible between the outpatient and inpatient sectors.